Unsere Familien prägen uns oft auf eine Weise, die wir erst bemerken, wenn wir in einem Muster feststecken. Als Psychologin sehe ich das täglich. Bei meinen Klientinnen, bei Freundinnen und Freunden und auch bei mir selbst. Wer trägt nicht irgendetwas Ungeklärtes aus der Herkunftsfamilie mit sich herum? Manchmal wissen wir davon. Manchmal nicht.
Und immer wieder hoffen wir, dass unsere Familie diesmal anders reagiert. Nur machen alte Muster keine Ferien. Auch nicht an Weihnachten. Vielleicht ist genau jetzt ein guter Moment, etwas in Bewegung zu bringen. Liebevoll.
Zwei Systeme: in dir und um dich herum
Wenn wir von Systemen sprechen, lohnt es sich, zwei Ebenen auseinanderzuhalten.
Dein inneres System: die verschiedenen Seiten in dir. Die innere Kritikerin zum Beispiel. Die Antreiberin. Oder diejenige, die endlich genießen möchte. Jede hat ihre eigene Stimme und ihre eigenen Anliegen.
Dein äußeres System: deine Familie, dein Arbeitsplatz und andere Gruppen, zu denen du gehörst.
Beide wirken ständig aufeinander ein. Vielleicht klingt deine innere Kritikerin erstaunlich ähnlich wie die kritische Stimme deiner Mutter. Hier möchte ich mich auf einen Teil des äußeren Systems konzentrieren: deine Familie.
Das Fest der Liebe. Und der alten Muster.
Weihnachten ist ein ziemlich gutes Beispiel. Für viele bedeutet es Freude, Nähe und gutes Essen. Für ebenso viele bedeutet es Stress oder eine kleine Krise. Familientreffen holen alte Dynamiken oft zuverlässig zurück. Plötzlich sitzen wir wieder in einer Rolle, aus der wir längst herausgewachsen zu sein glaubten.
Du weißt vermutlich, was ich meine:
- Verletzungen aus der Kindheit, die immer noch wehtun.
- Ungeschriebene Familienregeln, an die du dich hältst, ohne es zu merken.
- Rollen, in die du zurückfällst, obwohl du sie weder willst noch magst.
Welche Rolle spielst du in deiner Familie?
In Gruppen entstehen Rollen. In Familien auch. Oft helfen sie uns, Liebe, Zugehörigkeit oder Sicherheit zu bekommen. Bewusst ausgesucht haben wir sie deshalb noch lange nicht.
Da ist zum Beispiel die Prinzessin, um die sich alles dreht. Die Rebellin, die Regeln bricht und damit scheinbar durchkommt. Das perfekte Kind, das die Erwartungen erfüllt und es allen recht machen möchte. Oder der Sündenbock, der sich immer falsch fühlt, ganz gleich, was er tut.
Und natürlich gibt es noch viele andere.
Manche Menschen fühlen sich in ihrer Rolle wohl. Andere fühlen sich eingeengt. Das Schwierige daran: Vieles spielt sich ab, bevor wir überhaupt bewusst darüber nachdenken. Deshalb ist es gar nicht so leicht, einfach auszusteigen.
Was kannst du anders machen?
Wenn du deine Rolle oder das Zusammenspiel mit deiner Familie verändern möchtest, würde ich dir raten: Bring das Muster durcheinander. Mit Liebe.
In der systemischen Psychotherapie sprechen wir von einer „Irritation“. Gemeint ist, etwas Unerwartetes zu tun, das die gewohnte Dynamik unterbricht.
Bist du sonst eher still? Sag etwas, das dir wichtig ist. Teile deine Gedanken, auch wenn es sich ungewohnt anfühlt.
Bist du diejenige, die in der Familie alles regelt? Tritt einen Schritt zurück. Lass jemand anderen übernehmen, während du dich entspannst. Oder zumindest versuchst, dich zu entspannen.
Machst du es normalerweise allen recht? Setze eine Grenze. Sag, was du brauchst.
Warum ein kleiner Schritt etwas verändern kann
Eine Familie organisiert sich selbst. Sie versucht, ihr vertrautes Gleichgewicht zu halten, und reagiert deshalb oft mit Widerstand auf Veränderungen. Wenn du etwas anders machst, müssen auch die anderen darauf reagieren. So kann sich eine neue Möglichkeit im Miteinander öffnen.
Leicht ist das nicht unbedingt. Vielleicht fühlst du dich hin- und hergerissen zwischen deiner Loyalität zur Familie und dem Wunsch, dir selbst treu zu sein. Schließlich möchten wir alle dazugehören. Geliebt werden. Uns sicher fühlen.
Und trotzdem: Die engste Beziehung in deinem Leben ist die zu dir selbst. Vergiss darüber nicht, auch dir gegenüber loyal zu sein.
Vom Stress zurück zu Pleasure
Alte Familienmuster belasten nicht nur emotional. Sie beeinflussen auch, wie gut dein Körper entspannen und Lust empfinden kann.
Wenn ungeklärte Dynamiken wieder auftauchen, reagieren wir oft mit Stress:
- Kämpfen: Du gehst zum Gegenangriff über.
- Fliehen: Du weichst aus.
- Erstarren: Du machst innerlich zu.
- Beschwichtigen: Du passt dich an, damit der Frieden gewahrt bleibt.
In diesen Reaktionen bleibt wenig Raum für Verbindung und Freude. Wenn du dich aus einem alten Muster löst, kannst du auch wieder mehr Entspannung und Präsenz erleben.
Erlaube dir, aus deiner Rolle herauszutreten
Übernimm beim nächsten Fest Verantwortung dafür, wie du es erlebst. Unterbrich ein Muster. Tritt aus deiner alten Rolle heraus. Mach etwas, das zu dem Menschen passt, der du heute bist.
Wenn alte Dynamiken sich lösen, kann Platz entstehen. Für mehr Nähe. Für Freude. Für Pleasure.
Wie ich als Sex Coach gern sage: F*ck the system. Mit Liebe, natürlich. Denn du verdienst es, gesehen und geliebt zu werden, wie du wirklich bist. Nicht bloß für die Rolle, die du seit Jahren spielst.
Schenk dir und deiner Familie beim nächsten Mal ein bisschen mehr von deinem echten Selbst.
Bleib dir treu. Bleib mutig. Bleib du.
Ganz viel Liebe & Pleasure von irgendwo zwischen München und Bremen,
Mia O

