Hast du dich schon einmal wie eine Fremde in deinem eigenen Leben gefühlt? Als würden deine Entscheidungen, dein Auftreten oder sogar deine Gefühle gar nicht richtig zu dir passen? Für viele von uns ist diese Distanz irgendwann ganz alltäglich geworden. Wir entfernen uns langsam von uns selbst, oft ohne es bewusst zu bemerken. Im Englischen wird das als self-loss bezeichnet: Wir verlieren den Kontakt zu uns selbst.
Das passiert, wenn wir unsere Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle zurückstellen, um Erwartungen zu erfüllen oder gesellschaftlichen Vorstellungen zu entsprechen. Wenn wir anderen gegenüber loyaler werden als uns selbst. Mit der Zeit entsteht eine schmerzhafte Entfernung. Vielleicht merkst du, dass du dein Leben kaum noch bewusst gestaltest. Dass etwas nicht zusammenpasst. Du fühlst dich weder mit dir noch mit deinen Entscheidungen oder den Menschen um dich herum wirklich verbunden.
Vielleicht kennst du das: Ich habe versucht, jemand zu sein, der ich nicht bin. Damit ich geliebt werde. Damit ich dazugehöre. Damit ich mich sicher fühle. Dahinter liegen ganz grundlegende Bedürfnisse nach Liebe, Zugehörigkeit und Sicherheit.
Schon früh lernen wir, dass wir uns anpassen müssen, um angenommen zu werden. Als Kinder geraten dabei zwei wichtige Bedürfnisse miteinander in Konflikt:
- Echt sein: uns zeigen dürfen, wie wir sind.
- Dazugehören: geliebt, versorgt und unterstützt werden.
Wenn beides nicht zusammengeht, entscheiden wir uns meist für die Zugehörigkeit. Schließlich sind wir auf die Fürsorge unserer Eltern oder anderer Bezugspersonen angewiesen. Der Preis dafür kann hoch sein: Wir unterdrücken die Seiten in uns, die nicht gesehen, geschätzt oder akzeptiert werden.
Dieses Muster begleitet uns oft bis ins Erwachsenenleben. Wir werden richtig gut darin, Erwartungen zu erfüllen. Manchmal so gut, dass wir gar nicht merken, wie weit wir uns selbst dabei aus dem Blick verlieren.
Woran du merkst, dass du dich selbst aus dem Blick verloren hast
Das kann sich auf unterschiedliche Weise zeigen:
- Du handelst immer wieder anders, als es zu dir oder dem Menschen passt, der du sein möchtest.
- Du triffst Entscheidungen aus Angst vor Ablehnung oder in der Hoffnung auf Anerkennung.
- Du unterdrückst Wünsche und Bedürfnisse und fühlst dich dadurch leer oder unzufrieden.
- Du schämst dich und vermeidest es, dich zu zeigen oder etwas Neues auszuprobieren.
Diese Entfernung von uns selbst kann uns in Passivität und Unzufriedenheit festhalten. Wir sind nicht mehr richtig beteiligt an unserem eigenen Leben. Uns selbst aus dem Blick zu verlieren heißt in gewisser Weise auch, die Verantwortung dafür abzugeben, wer wir sein möchten. Es ist Zeit, sie wieder aufzunehmen. Indem wir zu uns zurückfinden.
Der Weg zurück zu dir
Authentizität heißt für mich, einen Ort in dir zu finden, an dem du Halt spürst. Wo das Zweifeln leiser wird und du in dir ankommst. Dieses ruhige, satte Gefühl. Du bewohnst deinen Körper. Bist zu Hause. Spürst Pleasure von innen.
„Das bin ich. So entscheide ich mich, in diesem Moment zu sein.“ Darin liegt für mich etwas Wesentliches: dich selbst anzunehmen und dein Leben bewusst mitzugestalten.
Wofür möchtest du Verantwortung übernehmen? Welche Schritte bringen dich dem Menschen näher, der du sein möchtest? Oder dem Leben, das du dir wünschst? Dem, was sich nach dir anfühlt?
Der Philosoph Jean-Paul Sartre verbindet Freiheit mit Verantwortung: Wir gestalten durch unsere Entscheidungen mit, wer wir werden. Das ist nicht immer leicht. Jede Entscheidung trägt etwas dazu bei. Sartre beschreibt diesen Zusammenhang in „Der Existentialismus ist ein Humanismus“.
Du kannst dich fragen:
- Passt diese Entscheidung zu mir?
- Entspricht sie dem Menschen, als den ich mich sehe oder der ich sein möchte?
- Bin ich gerade wirklich dabei? Handle ich bewusst und auf eine Weise, die sich für mich stimmig anfühlt?
Es ist nie zu spät, dich wiederzuentdecken. Du kannst genau jetzt damit anfangen.
Trau dich
Echt zu leben braucht Mut. Es verlangt, dir ehrlich zu begegnen, Verantwortung für deine Entscheidungen zu übernehmen und dich auch für das zu entscheiden, was dir etwas bedeutet, selbst wenn es nicht der bequemste Weg ist.
Auch der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm beschäftigt sich damit, wie viel von unserem Denken, Fühlen und Wollen tatsächlich unser Eigenes ist. Oder ob wir Erwartungen übernommen haben, die wir gar nicht mehr als fremd erkennen. Die Erich-Fromm-Gesellschaft erläutert diese Gedanken aus „Authentisch leben“.
Die Fragen dahinter treffen mich: Bin ich es, die hier denkt? Die hier fühlt? Die hier handelt? Oder versuche ich gerade, Erwartungen zu erfüllen und Zustimmung zu bekommen?
Anerkennung und Anpassung können Sicherheit geben. Diese Sicherheit bleibt allerdings vom Außen abhängig. Wenn du einen verlässlicheren Halt in dir selbst entwickelst, wird es leichter, dich zu zeigen und unabhängiger zu entscheiden.
Wie innere Sicherheit wachsen kann
Es gibt kaum etwas Haltgebenderes, als dich in dir selbst sicher zu fühlen. Wenn du bei dir Halt findest, bist du weniger auf Bestätigung angewiesen und kannst mit den Schwierigkeiten des Lebens anders umgehen.
Gleichzeitig entsteht unser Selbstbild nicht nur in uns. Es entwickelt sich auch im Kontakt mit anderen. Dafür können zwei Bilder hilfreich sein:
- Der innere Spiegel: wie du dich selbst siehst und erlebst.
- Der äußere Spiegel: wie andere dich wahrnehmen und was sie dir zurückmelden.
Manchmal passen diese Bilder nicht zusammen. Das kann wehtun. Vielleicht sehen andere nicht das in dir, was du selbst siehst. Vielleicht missverstehen Menschen, die dir nahestehen, deine Absichten. Es kann aber auch sein, dass dein eigenes Bild nicht ganz stimmt. Diese Unterschiede können verunsichern. Sie können dir zugleich helfen, dich besser kennenzulernen und einen guten Umgang mit deinem Selbstbild zu finden.
Schau, mit wem du dich umgibst. Such die Nähe von Menschen, die dich wirklich sehen möchten. Die offen und ehrlich genug sind, sich selbst zu zeigen und dir ebenso ehrlich zu begegnen. Eine Partnerin, ein Partner, eine Freundin oder eine Gemeinschaft kann dir ein wertvoller Spiegel sein. Echt sein fühlt sich dort sicherer an, wo auch andere echt sein dürfen.
Stärke deinen Halt in dir. Zum Beispiel durch Selbstreflexion, Achtsamkeit, sinnliche Körperarbeit oder Bewegung. Yoga, Tanzen oder Selbstberührung können Zugänge sein. Wenn du dich selbst gut spürst, bringen dich unzutreffende oder verletzende Rückmeldungen von außen weniger leicht aus dem Gleichgewicht.
In der Arbeit mit meinen Klientinnen begleite ich sie dabei, innere Sicherheit und Pleasure von innen zu entdecken. Wir schauen gemeinsam, wo der Kontakt zu sich selbst gerade fehlt. Im Denken? In den Gefühlen? Im Körper? Für manche geht es darum, im Kopf aufzuräumen und überholte Überzeugungen loszulassen. Für andere darum, wieder mit ihren Emotionen oder ihrem Körper in Verbindung zu kommen. All diese Zugänge können uns näher zu uns selbst bringen.
Wenn du das weiter erkunden möchtest, findest du hier meine Workshops rund um Pleasure.
Ein Gefühl für dich selbst zu entwickeln, auch für dein sexuelles Selbst, braucht deine Beteiligung. Wenn wir uns nur treiben lassen, bleibt vieles beim Alten. Scham kann dabei besonders hinderlich sein. Sie lässt uns klein werden, stillhalten und uns verstecken. Sie steht unserer Lust oft im Weg.
Wenn du dich deiner Scham zuwendest und dich selbst mehr annimmst, kann sich etwas verändern. Es beginnt in dem Moment, in dem du beschließt, auf dich selbst zu setzen. Pleasure kann dann mehr sein als ein flüchtiger Reiz. Du fühlst dich mit dir und dem Leben verbunden. Eine Freude, die nicht ausschließlich von außen kommt, sondern sich in deinem Inneren entfaltet.
Halte einen Moment inne
Und frag dich:
Wer bin ich eigentlich?
Wie könnte ich diesem Menschen heute ein bisschen mehr Raum geben?
Authentizität beginnt mit kleinen, bewussten Schritten. Vielleicht möchtest du einen Gedanken loslassen, der dich festhält. Ein Gefühl ausdrücken. Oder die Verbindung zu deinem Körper stärken. Jeder dieser Schritte kann dich dir selbst näherbringen.
Wieder mit dir in Kontakt zu kommen bedeutet auch, dich für ein Leben zu entscheiden, in dem du dich zeigst. Und dir die Pleasure zurückzuholen, die von innen kommt.
Bleib dir treu. Bleib mutig. Bleib du.
Ganz viel Liebe & Pleasure aus dem Allgäu,
Mia O

