„Ich habe einfach keine Lust mehr.“
Vielleicht hast du diesen Satz schon gesagt. Oder du denkst ihn nur und hoffst, dass dein Gegenüber heute Abend nicht wieder enttäuscht ist.
Dabei würdest du selbst gern wissen, wo deine Lust geblieben ist. Früher war sie doch da. Oder zumindest war Sex weniger kompliziert. Jetzt liegst du neben einem Menschen, den du liebst, und möchtest am liebsten schlafen. Und während du versuchst einzuschlafen, überlegst du, ob mit dir etwas nicht stimmt.
Wenn du dich darin wiedererkennst, möchte ich erst einmal bei diesem Gedanken bleiben. Denn mit der Frage „Was stimmt mit mir nicht?“ wird es schwer, neugierig auf dich selbst zu sein. Du stehst dann schon unter Verdacht.
Mich interessiert zunächst etwas anderes: Was meinst du genau, wenn du sagst, dass du keine Lust hast?
Vermisst du dein Verlangen? Oder vermisst dein Gegenüber es stärker als du? Hast du auch allein kaum Interesse an Sexualität, oder eher an dem Sex, den ihr miteinander habt? Das kann sich von innen sehr unterschiedlich anfühlen, auch wenn wir für alles dasselbe Wort benutzen: Lustlosigkeit.
Wenig Lust ist nicht automatisch ein Problem
Vielleicht wäre deine aktuelle Lust für dich ganz in Ordnung, wenn niemand nachfragen würde, wann ihr endlich wieder Sex habt. Vielleicht leidest du aber auch selbst darunter. Du vermisst deine Fantasien, das Kribbeln, diesen Teil von dir, der einmal so selbstverständlich da war.
Beides verdient Aufmerksamkeit. Es macht einen Unterschied, ob du dir selbst fehlst oder ob du vor allem versuchst, eine Erwartung zu erfüllen.
Sexuelles Verlangen verändert sich mit dem Alltag, mit Beziehungen, dem Körper und verschiedenen Lebensphasen. Es gibt keine richtige Menge an Lust, die du vorweisen müsstest. Auch ein Unterschied zwischen euch bedeutet noch nicht, dass die Person mit weniger Verlangen repariert werden muss.
Das macht einen Konflikt darüber natürlich nicht weniger schmerzhaft. Wenn du Nähe vermeidest, weil du Angst vor der nächsten Enttäuschung hast, ist „Das ist alles normal“ vermutlich kein besonders hilfreicher Trost.
Dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Was belastet dich am meisten? Dass du keine Lust spürst? Dass du jemanden vermisst, obwohl ihr nebeneinanderliegt? Oder dass du dich inzwischen schon beim Küssen fragst, wie du später wieder aus der Situation herauskommst?
Du musst das nicht sofort auseinanderhalten können. Aber du musst auch nicht alles auf einmal lösen, nur weil es unter derselben Überschrift landet.
Lust muss nicht immer zuerst da sein
Vielleicht wartest du darauf, endlich wieder von allein Sex zu wollen. So eindeutig, dass du nicht erst überlegen musst.
Dieses spontane Verlangen gibt es. Lust kann aber auch erst beim Küssen oder Berühren entstehen. Das wird oft responsive Lust genannt. Auch die amerikanische Fachgesellschaft ACOG beschreibt, dass Verlangen manchmal erst während sexueller Aktivität auftaucht. Mehr dazu bei ACOG
Für manche Frauen ist das eine Erleichterung. Sie müssen nicht schon vor der ersten Berührung wissen, ob sie später Sex wollen.
Hier möchte ich allerdings genau sein: Daraus folgt nicht, dass du dich auf Sex einlassen sollst, den du gerade nicht möchtest. „Vielleicht kommt die Lust ja noch“ kann sonst schnell zur nächsten Zumutung werden.
Du kannst Lust auf Küssen haben und auf nichts weiter. Du kannst neugierig sein, ob eine Berührung angenehm ist, solange du weißt, dass du jederzeit aufhören kannst. Und du kannst nach zehn Minuten feststellen: Schön war's. Jetzt möchte ich schlafen.
Wenn aus jedem vorsichtigen Annähern ein Versprechen wird, ist es verständlich, irgendwann lieber gar nicht erst anzufangen.
Du bringst deinen ganzen Tag mit ins Bett
Ein voller Tag ist nicht einfach vorbei, sobald das Licht ausgeht. Im Kopf läuft noch die Nachricht, die du beantworten musst. Morgen fehlt etwas für die Schule. Die Wäsche wartet. Du bist müde, aber noch nicht einmal richtig bei dir angekommen.
Und jetzt soll auch noch Lust da sein.
Ein freier Abend kann helfen. Er nimmt dir aber nicht automatisch die Verantwortung ab, die du sonst trägst. Auch ein schönes Date löst keinen Streit, über den ihr seit Wochen hinweggeht. Manchmal suchen wir nach einer erotischen Idee, obwohl erst einmal etwas ganz Alltägliches fehlen könnte: Schlaf, Entlastung oder Zeit, in der niemand etwas von dir braucht.
Daneben gehören körperliche Einflüsse ernst genommen. Krankheiten, Schmerzen, hormonelle Veränderungen und Medikamente können das sexuelle Erleben beeinflussen. ACOG nennt unter anderem Schwangerschaft, Stillzeit, Perimenopause und Menopause sowie Depression, Angst und Stress als mögliche Zusammenhänge. Zu den medizinischen Einflussfaktoren
Ein klinischer Überblick zu geringem sexuellem Verlangen empfiehlt deshalb, körperliche, psychische und soziale Einflüsse gemeinsam zu betrachten.
Du musst dich also nicht vorschnell entscheiden: „Sind es die Hormone oder ist es unsere Beziehung?“ Es kann mehr als eines eine Rolle spielen. Und du musst die Erklärung nicht allein herausfinden.
Auf welchen Sex hättest du eigentlich Lust?
Die Frage kann irritieren, wenn du gerade denkst: Auf gar keinen, das ist doch das Problem.
Lass sie trotzdem einen Moment stehen. Vielleicht fällt dir auf, dass du Berührung durchaus vermisst. Nur möchtest du nicht wieder den Ablauf beginnen, dessen Ende ihr beide schon kennt. Oder du magst es, begehrt zu werden, aber nicht das Gefühl, dafür anschließend etwas schuldig zu sein.
Wenn du oft Ja gesagt hast, obwohl du lieber aufgehört hättest, kann es schwer werden, der nächsten Begegnung offen entgegenzusehen. Genauso, wenn etwas wehtut oder deine Wünsche kaum vorkommen.
Dann lohnt es sich, auch den Sex anzuschauen, zu dem du gerade keine Lust hast. Das ist keine Schuldzuweisung an dein Gegenüber. Es ist eine Einladung, eure Begegnungen genauer zu betrachten, statt nur zu zählen, wie selten sie geworden sind.
Und falls du gar nicht weißt, was du dir wünschen würdest: Auch das ist eine Antwort, mit der sich weiterfragen lässt. Es wäre ziemlich viel verlangt, jahrelang vor allem darauf zu achten, ob die andere Person zufrieden ist, und dann auf Nachfrage die eigene erotische Gebrauchsanweisung vorlegen zu können (bitte möglichst druckfertig).
Du kannst mit etwas Kleinem anfangen. Eine Berührung, die du magst. Ein Tempo, das dir angenehmer wäre. Die Gewissheit, dass ein Kuss heute wirklich nur ein Kuss bleiben darf.
Wenn jeder Kuss eine Frage wird
Vielleicht zieht ihr euch inzwischen beide zurück. Du, weil du keine Erwartungen wecken möchtest. Dein Gegenüber, weil sich ein weiteres Nein kaum noch ertragen lässt.
Oder es passiert genau andersherum: Je vorsichtiger du wirst, desto mehr sucht die andere Person nach Nähe. Du fühlst dich bedrängt, sie fühlt sich abgelehnt. Dabei wünscht ihr euch womöglich beide, wieder unbefangen miteinander zu sein.
In solchen Momenten kann Sex sehr viel beweisen müssen: dass ihr euch noch liebt, dass ihr attraktiv seid, dass eure Beziehung eine Zukunft hat. Kein Wunder, wenn ein Abend im Bett sich irgendwann wie ein Prüfungstermin anfühlt.
Vielleicht hilft zunächst ein Satz, der beschreibt, was zwischen euch passiert, ohne schon eine Lösung zu versprechen:
„Ich vermisse es, dich zu küssen, ohne gleich darüber nachdenken zu müssen, ob ich danach Sex möchte.“
Oder:
„Ich weiß, dass dir unsere Sexualität fehlt. Mir fehlt gerade der Raum, herauszufinden, was ich selbst möchte.“
Solche Gespräche können wehtun. Das Bedürfnis der anderen Person verschwindet dadurch nicht. Aber ihr könnt anfangen, über etwas Genaueres zu sprechen als darüber, wer zu viel oder zu wenig will. Mehr dazu findest du auch in meinem Artikel Über Sex sprechen: Wie Wünsche wieder sagbar werden.
Was möchtest du zurückhaben?
Wenn du dir vorstellst, dass sich etwas verändert: Was wäre dann anders?
Würdest du häufiger Sex wollen? Würdest du dich wieder auf Berührung freuen? Hättest du Fantasien, die nur dir gehören? Oder könntest du endlich Nein sagen, ohne dich den restlichen Abend schuldig zu fühlen?
Ich finde diese Frage hilfreicher als das schnelle Ziel „wieder mehr Lust“. Sie lässt dir Platz, selbst zu merken, was du vermisst. Vielleicht möchtest du etwas zurückhaben, das du von früher kennst. Vielleicht möchtest du zum ersten Mal herausfinden, wie Sexualität sich anfühlen könnte, wenn deine Wünsche darin mehr Raum bekommen.
Je nachdem kann ein nächster Schritt ganz unterschiedlich aussehen. Bei einer plötzlichen Veränderung, Schmerzen, Taubheitsgefühlen oder einem möglichen Zusammenhang mit Medikamenten ist ein ärztliches Gespräch sinnvoll. Bei starker psychischer Belastung oder belastenden Erfahrungen kann psychotherapeutische Unterstützung passen. Coaching ersetzt diese Abklärung oder Behandlung nicht.
Du brauchst für ein solches Gespräch keine fertige Erklärung. „Ich erkenne mich gerade nicht wieder“ oder „Ich weiß nicht, ob mir der Sex fehlt oder die Ruhe davor“ ist schon ein Anfang.
Wenn du dir dafür Begleitung wünschst, können wir im Sex Coaching für Frauen in München und online gemeinsam anschauen, was du erlebst, vermisst und dir wünschst. Du musst keine bestimmte Menge Lust als Ziel mitbringen. Wenn ihr als Paar Unterstützung sucht, findest du Informationen zur Pleasure Partnership. Über die Kontaktseite kannst du mir persönlich schreiben.
Stay true. Stay bold. Stay you.
Big Love & Pleasure aus dem Allgäu,
Mia O

