Angst sagt: Etwas ist gefährlich.
Wut sagt: Hier stimmt etwas nicht.
Scham sagt: Mit mir stimmt etwas nicht.
Vielleicht ist sie deshalb so schwer zu greifen. Scham kritisiert nicht nur, was wir tun. Sie greift an, wer wir glauben zu sein. Beim Sex trifft sie einen Bereich, in dem wir ohnehin besonders sichtbar, verletzlich und unkontrollierbar sind.
Und Scham ist clever. Sie versteckt sich gern als etwas anderes.
Als Desinteresse. Als Witz. Als Perfektion. Als „Ich bin einfach nicht so sexuell“. Als Licht-aus-Reflex. Als Orgasmus, der unbedingt passieren muss, damit niemand merkt, wie weit weg du innerlich gerade bist.
Ich kenne diese Scham
Als in meiner Familie vieles schwer wurde, begann ich früh, meine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Ich war unbewusst überzeugt, dass meine sexuellen Impulse gerade keinen Platz haben durften. Daraus wurde Scham. Später wurde daraus eine Gewohnheit.
Von außen sah mein Sexleben nicht unbedingt problematisch aus. Ich hatte Sex. Ich hatte Orgasmen. Also war doch alles gut, oder?
War es nicht.
Ich hatte gelernt, dass Sexualität funktionieren kann, während man sich selbst dabei verlässt. Genau diese Erkenntnis hat meine persönliche und berufliche Arbeit stark geprägt.
Scham verschwindet nicht dadurch, dass wir beweisen, wie offen, sexy oder erfahren wir sind. Manchmal wird diese Offenheit nur ein neues Kostüm. Darunter bleibt die alte Frage: Was passiert, wenn jemand mich wirklich sieht?
Scham schützt Zugehörigkeit
In einem viel geteilten Videoexperiment wurden Erwachsene und Kinder gefragt, was sie an ihrem Körper verändern würden. Während die Erwachsenen vor allem vermeintliche Makel nannten, wünschten sich die Kinder eher Superkräfte: einen Meerjungfrauenschwanz, Gepardenbeine oder die Fähigkeit, sich zu teleportieren. Keine wissenschaftliche Studie – aber ein schönes Bild dafür, wie früh wir lernen, unseren Körper mit anderen Augen zu betrachten. Mehr über das Videoexperiment bei TIME
Wir werden nicht mit der Vorstellung geboren, dass unser Bauch falsch, unsere Lust zu viel oder unsere Vulva nicht schön genug ist. Solche Bewertungen lernen wir.
Durch Blicke und Bemerkungen. Durch Familien, in denen über Sexualität nur geflüstert wurde. Durch Religion, Schule, Pornografie, Werbung und frühere Beziehungen. Durch Erfahrungen, in denen ein Wunsch belächelt oder eine Grenze nicht respektiert wurde.
Scham versucht dann, Zugehörigkeit zu sichern. Wenn ich mich anpasse, werde ich nicht abgelehnt. Wenn ich meinen Körper verstecke, kann ihn niemand bewerten. Wenn ich nichts will, kann mein Wunsch nicht lächerlich gemacht werden.
Das macht Scham nicht angenehm. Aber es erklärt, warum sie sich nicht einfach mit einem positiven Glaubenssatz verabschiedet. Sie hält sich für eine Form von Schutz.
Wenn du dich beim Sex von außen beobachtest
Viele Frauen liegen nicht nur mit einer anderen Person im Bett. Sie liegen gleichzeitig neben sich und beobachten.
Wie sehe ich aus? Ist mein Bauch flach genug? Dauert es zu lange? Mache ich die richtigen Geräusche? Ist die andere Person zufrieden?
Je stärker diese innere Kamera läuft, desto schwerer wird es, feine Empfindungen wahrzunehmen. Ein Teil von dir ist schließlich die ganze Zeit damit beschäftigt, deinen Körper zu inszenieren und zu kontrollieren.
Das bedeutet nicht, dass jede Unsicherheit automatisch Lust verhindert. Scham und Begehren können sogar gleichzeitig da sein. Wir Menschen sind komplizierter als eine saubere Ursache-Wirkungs-Geschichte – ich jedenfalls.
Aber wenn ein Teil von dir permanent prüft, wie du wirkst, bleibt weniger Aufmerksamkeit dafür übrig, was du fühlst. Logisch, oder?
Scham verändert sich in Beziehung
Scham sagt: Versteck dich.
Deshalb kann es besonders kraftvoll sein, etwas Wahres zu zeigen und nicht abgewertet zu werden.
Das muss kein großes Geständnis sein. Vielleicht sagst du deinem Partner, dass du gerade unsicher bist. Vielleicht sprichst du zum ersten Mal einen Wunsch aus. Vielleicht bemerkst du in einem Coaching, dass ein Satz laut ausgesprochen weniger mächtig klingt als in deinem Kopf. Und wenn du nicht abgewertet wirst, könnt ihr gemeinsam neugierig sein, was noch alles passiert.
Veränderung entsteht selten durch ein heroisches „Ab heute bin ich schamlos“. Sie entsteht in genau diesen kleinen Erfahrungen von Kontakt. Ich zeige dir etwas. Ich will langsam sein. Ich werde nicht ausgelacht. Wir werden gemeinsam kreativ. Ich kann eine Grenze setzen – und die Beziehung bleibt bestehen.
Manchmal kommt zuerst mehr Scham, weil du sie endlich bemerkst. Auch das ist möglich. Sichtbar zu werden fühlt sich nicht sofort frei an.
Schamlos heißt nicht grenzenlos
Ich benutze das Wort schamlos gern. Für mich bedeutet es nicht, alles zeigen, alles ausprobieren oder immer Ja sagen zu müssen.
Schamlos kann heißen, den eigenen Körper nicht mehr als Entschuldigung zu behandeln. Einen Wunsch ernst zu nehmen. Ein Nein auszusprechen. Über etwas zu lachen, das früher nur peinlich war (vor allem das!). Oder Sexualität für eine Weile ruhen zu lassen, ohne sich dafür defekt zu fühlen.
Vielleicht wird meine Scham nie vollständig verschwinden. Das muss sie auch nicht.
Entscheidend ist, ob sie weiterhin bestimmt, wie klein wir uns machen und wie viel Leben wir uns erlauben.
Wir sind nicht falsch, weil wir uns schämen. Aber ich will, dass du weißt: Du kannst dich schämen und gleichzeitig so lebendig sein, dass dir vor Lachen der Bauch wehtut. Das wünsche ich dir.
Wenn du deine sexuelle Scham in einem wertschätzenden und humorvollen Rahmen anschauen möchtest, findest du weitere Informationen zu meinem Sex Coaching für Frauen in München und online. Du kannst mir über die Kontaktseite vertraulich schreiben.
Big Love & Pleasure aus dem Allgäu,
Mia

